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Woche der Brüderlichkeit: Der Holocaust aus Sicht eines Angehörigen der zweiten Generation

Woche der Brüderlichkeit

„Nun gehe hin und lerne“ - so lautete das Jahresthema der Woche der Brüderlichkeit 2017. Daran angelehnt hatte der Landkreis Fürth zu einer Festveranstaltung an das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Oberasbach (DBG) eingeladen.

Die Schule war genau der passende Ort dafür: Das Gymnasium trägt seit langer Zeit das Prädikat „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ und erhielt wenige Tage vor der Veranstaltung von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Franken den Schulpokal „Etz chaim“ – Hebräisch für Lebensbaum. Mit dem Wanderpokal verpflichtet sich die Schule die Begegnung von Juden und Christen für ein Jahr zu einem inhaltlichen Schwerpunkt zu machen.

Seit 1997 besteht außerdem ein Schüleraustausch zwischen dem DBG und dem Dar-Al-Tifel al Arabi Institute in Ostjerusalem. Dadurch konnten die Schüler die Problematik des Zusammenlebens zwischen Juden und Palästinensern schon mehrfach direkt vor Ort erfahren, wie Schulleiter Heinz Beiersdorfer berichtete.

Zum Pflichtprogramm in Jerusalem gehörten neben Besuchen biblischer Stätten und Kirchen in Jerusalem auch immer Fahrten zum See Genezareth, ins Jordantal, nach Bethlehem und zur Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust, Yad Vashem. Auch er sei schon bei einer der Reisen dabei gewesen, sagte der Schulleiter. „Das war für mich eine unglaubliche Erfahrung und eine enorme Bereicherung in meinem Leben, die ich nicht mehr missen möchte.“ Ein weiteres Schulprojekt war die kritische Recherche über die Geschichte der Cadolzburg als einstige Gebietsführerschule der Hitlerjugend im Dritten Reich.

Landrat Matthias Dießl beglückwünschte das DGB für den Schulpokal „Etz chaim“ und nahm die Veranstaltung zum Anlass, allen zu danken, die sich in den vergangenen Jahrzehnten für die christlich-jüdische Zusammenarbeit und den interreligiösen Dialog im Landkreis eingesetzt haben und auch heute noch dafür wirken. Als Beispiel nannte er die gerade stattfindende Ausarbeitung kommunaler Integrationsleitlinien. Außerdem gebe es im Landkreis eine eigene Integrationsbeauftragte. „Wichtig ist mir dabei zu betonen, dass der Landkreis das Thema Integration bereits 2013 angepackt hat, als von der Flüchtlingskrise noch gar keine Rede war.“

Im Mittelpunkt der Festveranstaltung in Oberasbach stand der Vortrag von Dr. Michal Arend, der über das Thema „Holocaust aus Sicht des Angehörigen der zweiten Generation“ sprach. Arend ist schweizerisch-tschechischer Doppelbürger. Er ist Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie und Gründungsmitglied und Vorsitzender der Bürgervereinigung „Jüdische Erinnerungsstätte Černovice bei Tábor“. In der Vergangenheit war er unter anderem bereits für den Schweizerischen Nationalfonds und die Kommission der Europäischen Union tätig.

Dr. Michal Arend entschied sich in Oberasbach ganz bewusst dafür, auf einen belehrenden Vortrag zu verzichten. Stattdessen erzählte er - erstmals in Deutschland - sehr emotional die Geschichte seiner Großeltern und Eltern. Gleich anfangs stellte Arend angesichts des Vormarsches von Populisten auf der ganzen Welt einen sehr aktuellen Bezug her: „Die geschichtlichen Brüche und geschichtlichen Katastrophen sieht man eigentlich kommen. Es gibt frühe Anzeichen, die dann meistens ignoriert werden, weil Menschen von ihrer Natur her zu Optimismus und zu einer gewissen Leichtsinnigkeit tendieren.“

Auch seine Großeltern und Eltern hätten damals vor dem Holocaust die Warnzeichen so lange ignoriert, bis es zu spät gewesen sei. Am Ende hätten sie dafür mit ihrem Leben bezahlt. „Hitler kam ja schon 1933 in Deutschland an die Macht und lieferte erste Kostproben seines Wirkens.“ In den 1930er-Jahren seien bereits die ersten Deutschen in die Tschechoslowakei, nach Böhmen und Prag, ausgewandert. „Natürlich haben sie den dort lebenden Juden alles erzählt, was in Deutschland vor sich geht. Nur konnten sich, wollten sich viele nicht vorstellen, dass auch in diesem schönen Land, das ihnen die vollen Bürgerrechte gewährte, so etwas Schreckliches passieren könnte.“

Später kam es durch Hitler zur Zerschlagung der Tschechoslowakei, bei der deutsche Truppen am 15./16. März 1939 das restliche Staatsgebiet der Tschecho- Slowakischen Republik besetzten. Nach Androhungen einer Bombardierung Prags marschierte die Wehrmacht ohne Gegenwehr in die - historisch gesehen - restlichen Gebiete Böhmens und Mährens ein. Ein Teil von Arends Großeltern starb in Gaskammern, ein anderer Teil an Erschöpfung und Hunger. Seine Eltern aber überlebten. Sie lernten sich später in einer Tram kennen.

„Der Holocaust hat unsere Familie dezimiert und wir haben nachher die sonderbare und vor allem für meine Eltern schwierige Zeit des real existierenden Sozialismus erlebt.“ 1968 ging die Familie in die Schweiz und konnte einen Neuanfang starten. „In einem Land, in dem wir willkommen waren und dessen Bürger uns fast unglaublich bei unserer Eingliederung unterstützt haben.“

Das Fazit von Dr. Michal Arend: „Die Zukunft der Menschen und der Welt gehört trotz aller Schwierigkeiten und Problemen, die damit einhergehen, ethnischen, religiösen und anderen Mischungen. Sowohl die Schweiz als auch Deutschland gehören zu denjenigen Ländern, die auf diesem schwierigen Weg zu unserer einzig denkbaren multi-ethnischen und multi-religiösen Zukunft zur Zeit am weitesten fortgeschritten sind. Darüber freue ich mich und darüber bin ich wirklich stolz.“ Umrahmt wurde das Programm am DGB von Musikstücken der Klezmer-Band und des großen Schulchores. Am Ende tanzten die Schüler zu einem jüdischen Lied - ein versöhnlich-heiteres Ende der Veranstaltung.